Zukunftsfähige Pflege braucht Technologie und Partizipation

Um die Pflege zukunftsfähig zu machen, braucht es auch technologische Innovationen. Am Beispiel einer niederländischen Einrichtung zeigt sich, welche Auswirkungen der Einsatz eines Unterhaltungs-Roboters hat: Besserer Schlaf für die Bewohner:innen, Entlastungen bei den Pflegenden und begeisterte Quizabende sind nur einige der Veränderungen.

Während die Pflegefachkraft das Essen in der niederländischen Einrichtung tanteLouise verteilt, hört sie, wie die Bewohner:innen begeistert Quizfragen beantworten. Gestellt werden diese jedoch nicht von einer Kollegin, sondern vom hauseigenen Unterhaltungs-Roboter. Manchmal singt der auch, wenn das Bewohner:innen besonders gerne mögen, denn er kann seine Beschäftigungsmodule individuell anpassen. Roboter zur körperlichen und geistigen Aktivierung sind eine von vielen innovativen Pflegetechnologien, die in den Niederlanden vermehrt zum Einsatz kommen.

Diese Pflegetechnologien werden in ihrer Bedeutung zunehmen: Demografie-bedingt wird in Deutschland die Zahl der Pflegeempfangenden von 4,2 Millionen im Jahr 2019 auf voraussichtlich rund 6 Millionen Menschen 2050 ansteigen. Gleichzeitig existiert bereits heute ein großer Fachkräftemangel. Hohe Arbeitsbelastung und -intensität, Zeitdruck, Schichtarbeit und eine vergleichsweise geringe Vergütung sind nur einige der vielen Gründe, weshalb es im Pflegeberuf an Nachwuchskräften mangelt und viele Pflegekräfte vorzeitig ihren Beruf verlassen.  Aus der steigenden Anzahl an Pflegebedürftigen und sinkenden Zahl an Pflegekräften entsteht ein Ungleichgewicht: An dieser Stelle setzen innovative Pflegetechnologien an. Sie können das Problem nicht gänzlich lösen, aber einige positive Effekte bewirken.

Wie groß diese Effekte sind,  wurde in der Studie „Potentiale einer Pflege 4.0“ vom Projekt Demografieresilienz und Teilhabe der Bertelsmann Stiftung eingehend analysiert. Dabei wurden Interviews in vier Ländern und sieben Einrichtungen durchgeführt. Es hat sich gezeigt, dass der Einsatz unterschiedlicher Pflegetechnologien wie Sensorsysteme, digitale Dokumentationssysteme und Unterhaltungs-Roboter Pflegekräfte spürbar entlastet und die Qualität der Pflege verbessern kann.

Entzerrung der Arbeit

Auch wenn die Pflege im Vergleich zu anderen Branchen weniger digitalisiert ist, zeigt die Studie, dass einige Vorreiter:innen, sogenannte „Early Adopter“, die Notwendigkeit für innovative Ansätze erkannt und umgesetzt haben.  So auch die Einrichtung tanteLouise in den Niederlanden, die seit 2019 den Unterhaltungs-Roboter einsetzt, der viele unterschiedliche Aufgaben im Alltag übernimmt. Die Software des Roboters speichert Informationen über die Bewohner:innen, so dass eine individuelle Interaktion möglich wird. Besonders hilfreich ist dies, wenn der Roboter mit mehr als nur einer Person interagiert. Dann kann der Roboter nicht nur zuordnen, wer die jeweiligen Bewohner:innen sind und welche Interessen sie haben. Er kann außerdem Informationen zur körperlichen Aktivität verarbeiten und die Bewohner:innen durch spielerische Anregungen zu mehr Bewegung motivieren.

Eine in der Studie befragte Pflegefachkraft gab an, dass sie trotz anfänglicher Zweifel eine innovative Unterstützungshilfe in dem Roboter sieht. Durch die Beschäftigung der Bewohner:innen mit dem Unterhaltungs-Roboter, entsteht für die Pflegefachkraft Zeit, sich mit anderen Aufgaben zu beschäftigen. Die Wirkung des Pflegeroboters beschreibt die Pflegefachkraft als „entzerrend“, da er die Arbeitsintensität und den Zeitdruck im Pflegealltag verringert. Statt die Beaufsichtigung der Bewohner:innen, die Medikamentengabe und die Essensverteilung gleichzeitig zu erledigen, kann sie sich nun besser auf eine Aufgabe konzentrieren.

Mehr Partizipation und Sozialisation

Im Interview berichtet die Pflegefachkraft außerdem davon, dass alle Beteiligten Spaß an der Interaktion haben – allen voran die Bewohner:innen der Einrichtung: Bevor der Roboter zum Einsatz kam, wollten viele Pflegeempfangende früh schlafen gehen. Das hat sich grundsätzlich geändert. Wenn sie mit dem Roboter beschäftigt sind, möchten sie die Interaktion gar nicht stoppen. Die positive Interaktionserfahrung wirkt sich auch auf eine erhöhte Qualität der Pflege aus. Laut Angaben der Einrichtung sind Bewohner:innen über den Tag hinweg körperlich aktiver und schlafen nachts besser, sodass die Schlafmedikation reduziert werden kann.

Bei einer solchen Beschreibung könnte der Eindruck entstehen, dass der Einsatz von Robotern vergleichbar dazu wäre, wie wenn man Kinder vor den Fernseher setzt, um endlich mal Ruhe zu haben. Doch die befragte Pflegefachperson berichtet, dass der Roboter nicht nur eine zusätzliche Hilfestellung und Unterstützung im Alltag bietet, sondern auch gezielt die Bewohner:innen fördert. Sein Einsatz führt zu mehr Partizipation und soziale Teilhabe innerhalb der Einrichtung und zwischen den Bewohner:innen. Der Unterhaltungs-Roboter vernetzt auf spielerische Weise Bewohner:innen, die zuvor wenig miteinander interagiert haben und unterstützt so das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe. Auch hier schätzt die Pflegefachkraft besonders die individuell angepasste Interaktion, die der Roboter auf Basis der persönlichen Daten der Bewohner:innen vornehmen kann.

Akzeptanz durch partizipative Technologieeinführung

Es ist der Einrichtung tanteLouise besonders wichtig, den Technologieeinsatz durch eine eigene Innovationsabteilung zu begleiten. Die interne Abteilung ist für die Auswahl, Implementierung und auch Evaluation der technischen Innovationen verantwortlich. Dabei setzt die Einrichtung auf einen kollaborativen Ansatz und steht im engen Kontakt mit anderen Pflegeeinrichtungen und externen Partnern. Die Mitarbeiter:innen partizipieren ebenfalls am Auswahlprozess. Neben der aktiven Beteiligung während der Einführungsphase können Mitarbeiter:innen Technologien vorschlagen, die sie als sinnvoll erachten. Vor der Einführung einer Technologie wird geprüft, wie integrierbar sie in den bestehenden Arbeitsprozess ist. Auf diese Weise bestehen mehrere Feedbackschleifen in der Einrichtung, die sicherstellen, dass Pflegetechnologien möglichst menschenzentriert eingesetzt werden. Für die Pflegekräfte stehen die Patient:innen im Zentrum ihrer Arbeit, weshalb die Technologien vor allem danach beurteilt werden, wie sehr sie den Bedürfnissen der Pflegeempfangenden dienen.

Weil der Roboter kein Herz habe, hätte er keine Angst, von Technologie ersetzt zu werden, sagte einer der befragten Mitarbeiter von tanteLouise. Auch beim Einsatz des Unterhaltungs-Roboters ist die Frage entscheidend, ob der Technologieeinsatz als Ersatz oder als Assistenz gesehen wird. Bei tantelouise ist der Leitgedanke in den Strukturen verankert, dass die Person-zentrierte Pflege trotz des technologischen Fortschritts von Pflegekräften lebt, die die Bedürfnisse der Bewohner:innen in den Mittelpunkt stellen. So bietet dann der Unterhaltungs-Roboter Potentiale, die Pflegearbeit zu entzerren und die soziale Teilhabe von Pflegebedürftigen zu unterstützen. Die Studie „Potenziale einer Pflege 4.0“ zeigt, dass ein erfolgreicher Technologieeinsatz in der Pflege von einem partizipatorischen Ansatz der Pflegekräfte getragen wird. Nur wenn die Pflegekräfte Pflegetechnologien für sinnvoll und entlastend erachten, können sie als positive Unterstützung eingesetzt werden. Nur so wird es zu einem Zusammenspiel, bei dem die Pflegefachkraft nach dem Abendessen gerne den Geschichten zuhört, wer beim Quiz welche Frage richtig geraten hat.



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