Was tun gegen Corona-Verschwörungstheorien?

Dieser Gastbeitrag von Wolfgang Gründinger erscheint im Rahmen unserer Blogparade „Tech for Good? Echt jetzt?! Oder jetzt erst recht?!“.

Nun hat es also auch meinen Freund Michael erwischt. Seit Wochen postet er auf Facebook nur noch Links zu dubiosen YouTube-Videos und rechnet fast täglich vor, dass die „offizielle“ Version zum Coronavirus falsch sein muss. Alles sei nur ein Komplott, vermutlich, um unsere Freiheit auszuschalten! Die Mainstream-Medien berichten darüber natürlich nur, wenn sie aus Versehen einen richtigen Experten einladen, der endlich die Wahrheit ausspricht.

Dabei ist Michael nicht dumm. Er hat studiert, ist beruflich erfolgreich, kennt sich mit Zahlen aus. Auch gebildete Menschen sind nicht immun gegen Mythen und Meinungsmache.  Wenn eine Wahrheit so komplex ist, dass man sie nicht mehr durchdringt und sich ohnmächtig fühlt, bieten Verschwörungstheorien eine vermeintlich einfache Erklärung und verleihen ein Gefühl der Stärke: Denn nun gehört man zu einer erleuchteten Minderheit, die die Wahrheit erkannt hat, im Gegensatz zu der vermeintlich törichten Mehrheit des gleichgeschalteten Volkes.

Da spielt es keine Rolle mehr, ob es wirklich wahrscheinlich ist, dass sich hundert Regierungen rund um die Welt einschließlich so unterschiedlicher Charaktere wie Donald Trump, Xi Jinping und Angela Merkel heimlich abgesprochen haben, um wahlweise eine Diktatur zu errichten, die Pharmaindustrie zu bedienen oder still und leise das Land mit 5G-Funkmasten zu überziehen. (In wieder einer anderen Version ist übrigens 5G schuld an Corona – dann dürften wir allerdings in Deutschland kein Problem haben.) Wissenschaftler:innen sind angeblich gekauft oder manipuliert und selbst die Todesopfer überzeugen nicht, weil die ja sowieso gestorben wären.

Als üblicher Verdächtiger ist schnell die Filterblase identifiziert, also die algorithmische Selektierung der Meinungen auf sozialen Plattformen und Suchmaschinen, die dann gar keine anderen Meinungen als die eigene mehr sichtbar mache. Das klingt plausibel, ist aber falsch. Seit zehn Jahren sucht die Forschung nach Beweisen für die digitale Filterblase, konnte aber keine ausfindig machen – wie ein Yeti, den alle gesehen haben wollen, den aber nie jemand finden konnte. Im Internet werden Verschwörungstheoretiker:innen quasi täglich mit Widerspruch konfrontiert, aber sie entscheiden sich aktiv dafür, lieber ihre eigenen Mythen zu glauben – ganz ohne Zutun algorithmischer Filter.

Trotzdem sorgt das Internet für eine neue Qualität bei Lügen und Legendenbildung. Über Twitter und TikTok, WhatsApp- und Facebook-Gruppen verbreiten sich Falschmeldungen in rasendem Tempo, zumal wenn sie emotional aufgeladen sind. Irreführende Videos auf YouTube erreichen ein Millionenpublikum, manchmal binnen weniger Tage. Die Technologieberatung Gartner geht davon aus, dass wir online in naher Zukunft mehr falsche als echte Nachrichten zu Gesicht bekommen werden. Wo es früher nur einen verirrten Dorfdeppen gab, tun sich jetzt alle Dorfdeppen der Nation über Messenger und soziale Medien zusammen und bestärken sich gegenseitig in ihrer Meinung. Die „Wahrheit“ ist nur noch eine Google-Suche entfernt. Die Weltgesundheitsorganisation warnt inzwischen vor einer „Infodemie mit Fake News“.

Was tun? Die Internetkonzerne gesetzlich auf Wahrheit zu verpflichten ist leider nicht so einfach wie gedacht. Google und Facebook produzieren nicht selbst Medieninhalte, sondern dienen lediglich als Plattform – zumal die wichtigsten Verbreitungskanäle inzwischen geschlossene Gruppen und verschlüsselte Messenger sind, wo eine Überprüfung von außen schwerfällt bzw. technisch ganz unmöglich ist. Zudem ist die Grenze zwischen „wahr“ und „unwahr“ oft nicht klar zu ziehen. Was Verschwörungstheorien so attraktiv macht, ist ja gerade, dass sie neben abstrusen Ideen auch ein paar wahre Fakten beimischen und so den Schein der Seriosität erwecken. Schon daher ist eine technische Lösung wie ein „Fake-News-Filter“ nicht in Sicht, zumal ein solches Instrument auch aus grundsätzlichen Bedenken gegenüber einer Zensurinfrastruktur abzulehnen ist.

Einige technische Nachjustierungen bieten sich aber an. WhatsApp beschränkt inzwischen die massenhafte Weiterleitung von Nachrichten, indem man z.B. einen Link oder eine Grafik künftig nur noch an einen Chat weiterleiten kann, und reagiert damit unmittelbar auf die brodelnde Corona-Gerüchteküche. Der Mutterkonzern Facebook hat ein Infozentrum eingerichtet, das seriöse Meldungen auf der Plattform besser sichtbar macht, und arbeitet dabei mit der Weltgesundheitsorganisation zusammen. YouTube reduziert die Reichweite obskurer Videos oder löscht sie ganz. Wofür Regierungen und Konzerne sich deutlich stärker engagieren müssen, ist die generelle Stärkung der Medienkompetenz der Bevölkerung. Sie müssen konsequent informieren, wie man Falschnachrichten erkennt und von seriösen Meldungen unterscheidet.

Am Ende werden aber auch Medienkunde und Faktenprüfer nicht reichen. Die Ausbreitung von Verschwörungstheorien ist kein Problem allein von Technik oder Bildung. Sondern sie ist ein kultureller Clash um Glaubwürdigkeit: zwischen den einen, die „denen da oben“ misstrauen und sich selbst ideologisch ermächtigen wollen, und den anderen, die glauben, mit den analogen Spielregeln des alten Medienkonsenses die Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite zu haben . Öl ins Feuer dieses Konflikts gießen rechtsextreme Parteien und russische Fake-News-Fabrikanten, weil sie von der gesellschaftlichen Polarisierung profitieren.

Die Fakten sind nur einen Klick entfernt, wenn man sie wissen will. Aber wer will schon die Fakten wissen, wenn er seine eigene „Wahrheit“ hat? Wissenschaft und Demokrat:innen müssen sich in der digitalen Medienlogik intuitiv bewegen lernen, sonst werden die anderen schneller sein: immer noch evidenzbasiert, aber vor allem mit besseren, überzeugenden Narrativen; immer noch mit Zahlen, Daten, Fakten , aber vor allem mit besseren Bildern, Videos und Emotionen.

Noch tapsen und stolpern wir in der digitalen Medienwelt etwas unbeholfen herum, wie ein Pinguin auf dem Land. Zeit, ins Wasser zu springen.


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Kommentare

  1. / von Sol

    Ich begrüße Ihren Artikel, habe jedoch gewisse Zweifel in Bezug auf folgenden Passus: „Wissenschaft und Demokrat:innen müssen sich in der digitalen Medienlogik intuitiv bewegen lernen, sonst werden die anderen schneller sein: immer noch evidenzbasiert, aber vor allem mit besseren, überzeugenden Narrativen; immer noch mit Zahlen, Daten, Fakten , aber vor allem mit besseren Bildern, Videos und Emotionen.“
    Ab einem bestimmten Grad an selektiver Wahrnehmung und kognitiver Einengung ist es nahezu unmöglich, Menschen erreichen zu können, die ihre eigene „Wahrheit“ auf Paranoia gründen. Ein „homöopathischer Ansatz“ der da lautet, Gleiches mit Geichem zu „behandeln“, sprich: sich gleicher bzw. ähnlicher Strategien zu bedienen wie jener der VT-Anhänger, in Form von gezielter Emotionalisierung, Förderung emotionalisierter Diskrepanzen und Visualisierung, dürfte diesbezüglich eher das Gegenteil bewirken- auch und gerade dann, wenn dieses Material evidenzbasierte Informationen enthält. Die Auswirkungen dessen können wir aktuell in den sozialen Netzwerken beobachten. Im Null-komma-nichts spülen selbst noch so wissenschaftliche Ausarbeitungen in veranschaulichter Emotion und Bildern das Wasser auf die Mühlen derer, die sich einer großen Verschwörung der Wissenschaften ausgesetzt sehen. Mit faktischer Information erreicht man lediglich die Menschen, die sich hierfür gezielt interessieren. Das Thema Fake-News, Desinformation und VT fußt jedoch nicht auf Interesse an Fakten, sondern auf Versuchen, fehlende Sicherheiten und Identifikationsmöglichkeiten zu erlangen. Es ist ein psychologisches, irrationales Problem – kein Rationales. Ergo: die rationale Denke „ich erreiche die schon, wenn ich es einfach nur noch besser, noch nachvollziehbarer, noch anschaulicher und emotionaler gestalte und kann dadurch die Verirrung auflösen und ihnen beweisen, dass meine Fakten wahrer sind als ihre“ fördert da eher Reaktanz als alles andere – denn es geht (ihnen) nicht um die Sache, sondern um einen Schutz vor erlebter Unsicherheit sowie den Erhalt von Deutungshoheit, um diesen Schutz zu festigen. Deswegen wird ja jede anderslautende faktische Meinung von ihnen wahlweise geleugnet, denunziert, in Abrede gestellt oder bagatellisiert (= Abwehrmechanismen). Dementsprechend erachte ich es aus psychologischer Sicht als fatal, beispielsweise eine Wissenschaftsgemeinde dazu anzuhalten, zu RE-Agieren, indem unter Zuhilfenahme von Strategien emotionaler „Überzeugungsarbeit“ (im Fachjargon Suggestion genannt^^) Wissenschaftsinformationen zu verbreiten und „einzukleiden“, mit dem Ziel, VT-Anhänger zu erreichen – oder würden Sie etwa den Versuch als erfolgversprechend bewerten, einem Schizophrenen seine Halluzinationen mittels bebilderter Fakten „auszureden“? So entmutigend und frustrierend es auch auf den ersten Blick erscheinen mag: Derlei Prozesse sind am ehesten nur dadurch aufzubrechen, indem bewusst auf ein von Ihnen gefordertes „Narrativ“ verzichtet wird. Faktische „Wahrheit“ braucht einen langen Atem. Die Unverrückbarkeit von Tatsachen, die unverfälscht, ungeschönt, unemotional und v.a. nicht-zweckorientiert sondern frei von jeglichem Anspruch eines „Informierens UM xyz zu erreichen“ dargelegt werden, sind aus meiner Sicht der einzige Weg, um diejenigen, die an faktischer Information und Mündigkeit interessiert sind, zu unterstützen und jenen, die dieses Interesse nicht verfolgen, eine Möglichkeit zu bieten, ihre Form der „Wahrheit“ nochmals einer diskrepanten Überprüfung unterziehen zu können, wenn die faktische „Wahrheit“ als Realität zu ihrem Erleben wird. Das mag dauern, ist letztlich jedoch unausweichlich. Für den Weg dorthin bleibt lediglich zu hoffen, dass der Anteil an mündigen, aufgeklärten Interessierten größer sein wird, als der Anteil derer, die weder ein Interesse an Wissenschaft noch an Demokratie hegen. Nicht auf Einflussnahme, sondern auf eigeninteressenlose Haltung (meint: Sachorientierung) sollte der Fokus bei Vermittlung medialer Wissenschaftsinformationen liegen. Es gibt aktuell einige wenige Wissenschaftler, die exakt dies seit Beginn der Corona-Krise praktizieren, mit dem Erfolg, dass die Schar an wirklich Interessierten steigt, dass bei jenen, für die Wissenschaft zuvor lediglich langweilig war, plötzlich komplett neues Interesse geweckt wurde und dass gerade in sozialen Medien eine lebhafte, demokratische Dynamik im Diskurs zwischen Interessierten und Anhängern von VT entstanden ist, in der die Argumente beider Seiten oft sachlich, manchmal aggressiv, teils niveaulos jedoch vor allem entlarvend diskutiert werden. Wissenschaft darf sich nie verleiten lassen, politisch zu agieren. Sie darf an ihren medialen Kompetenzen insbesondere bei der Info-Vermittlung für ein Laienpublikum arbeiten, sie darf sich in Verantwortungsbewusstsein über ihre Erkenntnisse üben, ja, aber sie darf ihre Form der Wahrheit nicht einspannen lassen. Denn: Wie glaubwürdig ist eine Glaubwürdigkeit, wenn sie sich ständig darzustellen zu beweisen versucht?

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