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Meinungsbeitrag: Wird Deutschland mit seiner KI-Strategie eine Führungsrolle übernehmen? Oder wird es Europa spalten?

Warum Deutschland sich auf KI konzentrieren muss, die der Menschheit nützt

Nach einer langen Zeit der Planung und Diskussion hat Deutschland kürzlich seine neue Strategie für Künstliche Intelligenz (KI) beschlossen. Der Plan beinhaltet einige gute zukunftsweisende Maßnahmen, aber er ist auch zutiefst fehlerhaft, und zwar aus zwei Gründen: Erstens scheint er, wie der KI-Plan der EU, zu sehr zu versuchen, das Silicon-Valley-Modell zu kopieren, das für Deutschland oder die EU gar nicht nachahmenswert ist. Und zweitens wird er wahrscheinlich ein KI-Rennen zwischen Staaten in Europa einleiten und so eine bereits gespaltene Union weiter untergraben. Ein besserer Plan wäre es, einen multilateralen, gesamteuropäischen Ansatz zu verfolgen, der den Weg für ein goldenes europäisches Digitalzeitalter ebnen würde.

Positiv zu vermerken ist, dass der deutsche Plan drei Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung vorsieht und den Aufbau zwölf regionaler Zentren ankündigt, die zusammen ein nationales KI-Netzwerk bilden sollen. Dieses Netzwerk soll sich unter anderem auf die Unterstützung kleiner und mittelständischer Unternehmen (KMU) – den erfolgreichen deutschen Mittelstand der „Hidden Champions“ – bei der Implementierung von KI konzentrieren. Es sind auch finanzielle Mittel vorgesehen, um Spitzenkräfte aus der Forschung sowie innovative Unternehmen anzuziehen und im Land zu halten. Auf diese Weise soll die deutsche Wirtschaft auch in Zukunft wettbewerbsfähig und erfolgreich bleiben. Wenn ein solcher Plan im Silicon Valley funktioniert hat, wird er  doch sicherlich auch in Deutschland und der EU funktionieren, oder?

Doch Deutsche und Europäer haben ein verzerrtes Bild davon, was das Silicon Valley eigentlich ist. Die Architekten der deutschen und der EU-Strategie erkennen offenbar nicht, dass das Tal des Plattformkapitalismus ein einzigartiges Ökosystem ist, das sich nicht einfach replizieren lässt. Denn ein Großteil des technologischen Erfolgs des Silicon Valley beruht auf den massiven Militärausgaben, die es seit Jahrzehnten subventionieren. Die San Francisco Bay Area ist seit den 1930er Jahren ein wichtiger Standort für die Forschung der US-Regierung im Bereich Spitzentechnologie. Als Reaktion auf den ersten Sputnik-Weltraumsatelliten der Sowjetunion gründete US-Präsident Dwight D. Eisenhower 1957 die National Aeronautics and Space Administration (NASA) und wandte sich an Fairchild Semiconductor aus San José, Kalifornien, das damals einzige Unternehmen der Welt, das Transistoren herstellen konnte. Die nahe gelegene Stanford University wurde in den 1950er und 60er Jahren zu einem Forschungsmagneten, der Spitzenkräfte anzog, die sich auf Halbleiter und die Erforschung von Festkörpertechnologien konzentrierten. Dies wurde zum Kernstück eines F&E-Ökosystems (Forschung & Entwicklung), an dem Unternehmen wie Bell Telephone Laboratories, Shockley Semiconductor und Xerox PARC beteiligt waren, die sich im Wesentlichen auf militärische Aufträge konzentrierten.

1969 betrieb das Stanford Research Institute (heute bekannt als SRI International) einen der vier ursprünglichen Knoten, der das militärisch finanzierte ARPANET – die erste Version des Internets – umfasste. Andere bekannte Technologien, wie Apples spracherkennender persönlicher Assistent Siri, das World Wide Web, Google Maps, Internetsuchmaschinen und automatisierte Fahrzeuge begannen ihre Geburtsgeschichten als Projekte von DARPA, der Forschungsbehörde des amerikanischen Verteidigungsministeriums. In jüngster Zeit hat DARPA Forschung in den Bereichen KI und maschinelles Lernen, unterirdische Exploration, Tiefseesatelliten, Hochleistungsmoleküle und für ein besseres GPS finanziert.

Mit dieser stabilen Basis an F&E-Investitionen in Technologieunternehmen hatten Risikokapitalgeber den Luxus, mit ihrem privaten Geld gewagte Investitionen in neue Unternehmen und Technologien zu tätigen. Sieben von zehn Silicon-Valley-Startups scheitern und neun von zehn erwirtschaften nie einen Gewinn; aber diejenigen, die es durch das Investmentcasino schaffen – wie Google, Amazon, Facebook, Apple – sind zu enorm profitablen und dominanten Marktmächten geworden.

Während Präsident Donald Trump Handelskriege mit Verbündeten und Konkurrenten anzettelt, ist Technologie zu einem immer bedeutenderen Bestandteil wirtschaftlicher und militärischer Strategie geworden. Auch China verfolgt nun eine ähnliche, staatlich geförderte Strategie, da es seine technologische Entwicklung seit Langem als Erweiterung seiner gesamten nationalistischen Agenda betrachtet. Insidergespräche handeln zunehmend von dieser neuen Art des „KI-Nationalismus“. Besonders in Anbetracht der militärischen Anwendungen der KI verschärft ein solcher wissenschaftlicher Wettbewerb zwischen den Nationen nur Spannungen zwischen Großmächten und repliziert bestehende globale Ungleichgewichte. Entsprechend wichtig ist es, ein alternatives Paradigma zu finden.

Zu wenig, zu spät?

Ist Deutschland oder die EU bereit, eine solche risikoreiche, militärisch subventionierte und teure Strategie zu verfolgen? Es scheint unwahrscheinlich. Tatsächlich zeigen die jüngsten Ankündigungen über deutsche und EU-Investitionen für KI zwar willkommene Fortschritte, aber auch eine weitere Schwäche.

Erstens ist der vorgeschlagene Finanzierungsbetrag sehr bescheiden – von der EU 1,5 Milliarden Euro bis 2020 (sowie vielleicht weitere 20 Milliarden Euro aus privaten und öffentlichen Quellen). Die angekündigten Investitionen Deutschlands in Höhe von drei Milliarden Euro werden erst 2025 vollständig aktiviert; zusammen mit den geplanten KI-Investitionen aus Frankreich (1,3 Milliarden Euro) und Großbritannien (1,2 Milliarden Euro) werden sie 5,5 Milliarden Euro ausmachen.

Aber US-amerikanische und chinesische Unternehmen im privaten Sektor werden viel mehr investieren, ganz zu schweigen von den Ausgaben ihrer Regierungen. Während genaue Beträge oft streng geheim sind, investiert Chinas Alibaba in den nächsten drei Jahren 13 Milliarden Euro in Spitzentechnologien, wobei der Schwerpunkt auf KI liegt. Die chinesische Regierung hat angekündigt, in den nächsten Jahren eine heimische KI-Industrie im Wert von 133 Milliarden Euro aufzubauen und das Land bis 2030 zum Weltmarktführer für KI zu machen; die Regierung investiert fast zwei Milliarden Euro allein in den Bau eines nationalen KI-Technologieparks in Peking. In den USA hat der Privatsektor unter der Führung von Google, Amazon, Apple, Microsoft und Facebook bereits Milliarden Euro in KI investiert; IBM hat über 13 Milliarden Dollar allein für Watson, seinen KI-basierten Supercomputer, ausgegeben. Unterdessen gab das US-Militär im Jahr 2017 rund 6,5 Milliarden Euro für nicht geheime Projekte in den Bereichen KI, Big Data und Cloud Computing aus, ein Anstieg von 32 Prozent seit 2012. Deutlich mehr wurde jedoch für geheime Forschung und Entwicklung ausgegeben – die genaue Zahl ist nicht bekannt.

Das ist richtig viel Geld. Derzeit liegen die Ausgaben für Technologieforschung und -entwicklung in der EU bei insgesamt durchschnittlich 2,08 Prozent des BIP, was hinter China und den USA sowie dem OECD-Durchschnitt von 2,40 Prozent liegt. Während Ankündigungen für mehr Investitionen und Ausgaben ein positives Zeichen sind, scheint es unwahrscheinlich, dass Deutschland allein jemals an die großen Geldtöpfe von US-amerikanischen oder chinesischen Regierungen und Unternehmen heranreichen wird, selbst wenn das Budget mit anderen EU-Mitgliedsstaaten kombiniert wird. Investitionen und F&E müssen daher strategischer ausgerichtet sein.

Die fehlende KI-Vision

Und das ist ein Problem, denn „Strategie“ erfordert „Einheit“, und wenn es um die Entwicklung der KI geht, ist Europa alles andere als geeint. Im Gegenteil: Anstatt eine paneuropäische Strategie auf den Weg zu bringen, die begrenzte Ressourcen intelligent und koordiniert einsetzt, bekräftigt der deutsche Plan, dass die Mitgliedsstaaten stattdessen entlang nationaler Interessen denken. Frankreich hat ebenfalls eine auf Frankreich ausgerichtete Strategie eingeleitet, womit beide Mitgliedsstaaten ihre eigene separate Version eines missverstandenen Silicon-Valley-Ansatzes auf den Markt bringen.

So wie Airbus unnötige nationalistische Konflikte in der Flugzeugproduktion verhindert hat, ist es für Deutschland nicht sinnvoll, mit Frankreich und Großbritannien um den Titel „AI Leader of Europe“ zu konkurrieren. Die unvermeidliche Teilung wird zu einer Rivalität um begrenzte Ressourcen führen und die rohe Dominanz Chinas und der USA weiter festigen. Doch in Berlin, Paris und London scheint der Fokus darauf zu liegen, die Technologie im Alleingang voranzutreiben.

Ein besserer Plan wäre die Einrichtung eines paneuropäischen KI-Hubs, wie von einer Gruppe europäischer Wissenschaftler:innen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, der Schweiz und den Niederlanden vorgeschlagen. Dieses KI-Institut, das European Lab for Learning and Intelligent Systems, kurz ELLIS, genannt wird, würde über große Zentren in mehreren Mitgliedsstaaten verfügen, in denen jeweils Hunderte von Informatiker:innen, Mathematiker:innen und anderen Wissenschaftler:innen arbeiten würden, mit dem ausdrücklichen Ziel, Europa an der Spitze der KI-Forschung zu halten.

Wie bei der Schaffung des Internets würde staatlich finanzierte Innovation die KI-Basisinfrastruktur schaffen, auf der dann private Unternehmen und Universitätslabore aufbauen könnten. Eine ausreichend finanzierte EU-weite Anstrengung würde auch dazu beitragen, den entsetzlichen Braindrain zu verringern, der entsteht, wenn Unternehmen im Silicon Valley Spitzenkräfte aus der EU abwerben und europäische Start-ups mit alarmierender Geschwindigkeit kaufen. Facebook, Google und Amazon haben ein europäisches Unternehmen nach dem anderen verschlungen, wobei Google das britische Unternehmen DeepMind Technologies für rund 530 Millionen Euro im Jahr 2014 übernommen hat. Der neue deutsche KI-Plan schlägt Anreize vor, diesen Braindrain zu verringern, aber angesichts der natürlichen Marktbarriere der (global begrenzt genutzten) deutschen Sprache ist es sinnvoller, Anreize auf EU-Ebene zu schaffen. Dies würde einen einheitlichen Ansatz ermöglichen, der die Chancen maximiert und erfolgreiche Unternehmen fördert.

Eine europäische Drehscheibe für KI könnte auch dazu beitragen, ein weiteres Dilemma zu lösen: den Mangel an verfügbaren Daten für die Forschung. KI wird von riesigen Datenmengen gespeist, die von Algorithmen mit roher Computerleistung und Geschwindigkeit „durchgekämmt“ werden, um Muster zu finden, die Menschen nie sehen könnten. Daten sind ihre Nahrung – und Europa hat keinen einheitlichen Datenpool dafür, denn es hat keine großen, datenintensiven, kommerziellen Unternehmen wie Chinas Alibaba und Tencent oder Google, Facebook und Amazon, die alles von den Verbraucher:innen „absaugen“ und „Daten-opole“ schaffen.

Ein paneuropäischer Knotenpunkt könnte private Informationen in Form „sozialer Daten“ als Gemeingut neu konzipieren, um die Verfügbarkeit von Open-Source-Datensätzen und Open-Source-Code zu gewährleisten. Staaten und Unternehmen könnten auf diese für ihre Forschungszwecke Zugriff haben, sofern sie sich bereit erklären, ihre Forschung im Namen des Gemeinwohls und in Übereinstimmung mit Richtlinien zum Schutz der Privatsphäre durchzuführen. Das ist eine fortschrittlichere Vision für die Datennutzung, als es Einzelpersonen zu ermöglichen, „Datenaktionäre“ zu werden, denen ein Almosen gezahlt wird, weil sie es Facebook, Amazon und Google ermöglichen, ihre personenbezogenen Daten zu gewinnen und zu monetarisieren.

Kurz gesagt: KI sollte zu einem globalen öffentlichen Gut werden, wie GPS, HTTP, Fluglinienvorschriften und andere entwickelte Technologieprotokolle. Deutschland und die EU haben die Möglichkeit, durch die Führung einer solchen Zusammenarbeit transformative Akteure zu werden.

Ja, Europa muss seine eigenen KI-Kapazitäten stärken, aber wichtiger wäre eine Strategie, die sich darauf konzentriert, die Welt in eine menschenzentrierte Richtung zu lenken. Dazu gehört auch die Entwicklung einer Forschungsagenda, die weniger kommerziell, nationalistisch oder militärisch orientiert ist und sich mehr auf die Lösung der größten Herausforderungen der Welt konzentriert. Die richtige Art der EU-weiten KI-Entwicklung würde sich auf den Nutzen für die Menschheit konzentrieren und nicht ausschließlich auf kommerzielle, gewinnorientierte Anwendungen oder die Fokussierung auf nationale Silos und hochtechnologische militärische Waffen. Wie die Geschichte der USA zeigt, ist es leicht, in ein Muster zu fallen, in dem die militärische Finanzierung zu einem der wichtigsten Treiber des technologischen Fortschritts wird.

Die richtige Strategie könnte einen wichtigen Beitrag leisten und die EU zu einer weltweiten Führungskraft machen. Die Mitgliedsstaaten müssen hier gemeinsam arbeiten oder sie werden gemeinsam zurückfallen.

Anm. d. Red.: Dieser Meinungsbeitrag wurde ursprünglich auf Englisch für unseren englischsprachigen Blog veröffentlicht.



Kommentare

  1. / von Gero Nagel

    Eines dieser Pan-Europäischen Projekte könnte gut das Human Language Project sein: http://human-language-project.eu/

    Europa ist für maschinelles Übersetzen in einer sehr guten Ausgangslage. Zum einen gibt es in Europa viele Menschen, die mehrere Sprachen sprechen (anders als in den USA und China) und zum anderen hat Europa durchaus die Ressourcen daran zu arbeiten. Für andere Gegenden der Welt, die multilingual geprägt sind, sind Ressourcen knapper (wie z.B. Indien oder weite Teile Afrikas).

    Wenn die europäische KI-Forschung sich darauf konzentriert, ist das sowohl ein sehr gutes Projekt um International viel Interesse zu erzeugen, Fachkräfte nach Europa holen, einen Vorsprung in dem Bereich erarbeiten – und auch ein bisheriges Problem Europas, die Vielsprachigkeit der Daten, beenden.

    (Vorausgesetzt das Human Language Project hat überhaupt Erfolg und maschinelles Übersetzen schafft es Kontext und Kultur min. auf dem Level von professionellen Übersetzer*innen zu berücksichtigen.)

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