„Man darf keinen dazu zwingen, getrackt zu werden“

In diesem Interview spricht Barbara Wimmer über das Internet der Dinge, seine Chancen und Gefahren, sowie Lösungsvorschläge, um diese Technologie in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Das Gespräch mit der Netzjournalistin, Buchautorin und Vortragenden führte Michael Puntschuh im Rahmen der „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz.

 

Frau Wimmer, das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) vernetzt zunehmend Geräte in unserem Alltag, sammelt Daten über uns und analysiert diese. Warum kommt es zu dieser Entwicklung?

Barbara Wimmer: Eine Prognose der Marktforschungsgesellschaft Gartner sagt voraus, dass bis 2020 20 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein werden, der Forschungsdienst BI Intelligence spricht gar von 34 Milliarden. Das können Haushaltsgeräte sein, Lampen, Thermostate, Alarmanlagen, genauso wie Spielzeug, Plüschtiere, Vibratoren, Fitnessarmbänder, aber auch Geräte wie Strom- und Wasserzähler sowie Arbeitsgeräte im Industriebereich oder auf der Straße. Vernetzt wird derzeit alles, was geht. Einfach, weil man es kann. Getrieben ist diese Entwicklung stark durch die Telekom- und Internetbetreiber sowie den Industriebereich, in dem man sich Effizienz beim Ablaufen der Prozesse erhofft. Im Industriebereich gehört das Internet der Dinge zur Digitalisierung dazu und damit zur Erschließung neuer Geschäftsmodelle für die Zukunft. Die fortschreitende Vernetzung ist Teil der „digitalen Revolution“, sie wird die Gesellschaft stark prägen. Im Privatkundenbereich macht allerdings nicht alles Sinn, was vernetzt wird, und birgt erhebliche Gefahren im Bereich Datenschutz und Privatsphäre.

Wo treffen das Internet der Dinge und Algorithmen oder künstliche Intelligenz aufeinander? Wie hängen diese Technologien bzw. Entwicklungen zusammen?

Barbara Wimmer: Digitale Geräte werden von immer mehr Menschen direkt am Körper getragen oder aber finden im privaten Heim Einzug, sei es, um mit einer App das Licht zu steuern oder mit Alexa Musik abzuspielen und Filme auszuwählen. Bei jeder dieser Aktivitäten wird ein digitaler Datenbestand generiert, der auch ausgewertet werden kann (und wird). Große Firmen wie Amazon, die Millionen von ihren smarten Lautsprechern „Amazon Echo“ verkauft haben, haben damit Einblick in das Privatleben all dieser Menschen, denn jeder Sprachbefehl wird in der Cloud gespeichert und zu Servern in die USA geschickt, um später, wenn das Geschäftsmodell ausgereift ist, passende Werbung auszuspielen. Die Datenbestände werden zudem mit denen des Amazon-Kontos des Kunden verknüpft und somit entsteht über diesen ein Persönlichkeitsprofil, das wiederum an Datenhändler verkauft werden darf.

Das ist nur ein Beispiel. Connected Cars können beispielsweise das Fahrverhalten des Besitzers genau mitverfolgen oder ihm spezielle Angebote unterbreiten. BMW ConnectedDrive kann etwa das Angebot von Restaurants mit den Nutzungsvorlieben des Fahrers abgleichen und ihm Vorschläge unterbreiten. All diese Vorschläge und Werbeanzeigen werden von einem Computersystem generiert, basierend auf dem bisherigen Verhalten oder Sprachbefehlen.

Welche Chancen bietet das Internet der Dinge?

Barbara Wimmer: Im Industriebereich erwartet man sich durch die Vernetzung Produktivitätsfortschritte von bis zu 30 Prozent und eine potenzielle Kostenreduktion beim Betrieb. Möglich werden auch neue Geschäftsmodelle und neue Services. Zudem gibt es mit Cobots etwa einen neuen Typ von Industrierobotern, die sich durch ihre Leichtbauweise und ihre Flexibilität auszeichnen. Sie sind extrem einfach zu bedienen. Jeder Laie schafft es, sie innerhalb von 15 Minuten in Betrieb zu nehmen und ein für die Anwendung passendes Programm zu schreiben. Diese können gefährliche und ergonomisch ungünstige Aufgaben übernehmen.

Im Privatbereich gibt es sicherlich für jeden Einzelnen gewisse Anwendungsfälle, wo eine Vernetzung wirklich Sinn macht. Das sollte jedoch immer eine individuelle Entscheidung sein. Bei Schlafproblemen mag es etwa sinnvoll sein, sich selbst zu überwachen, um sein eigenes Verhalten besser steuern zu können. Eine Alarmanlage mit Internet mag vielleicht für den einen oder anderen einen Mehrwert schaffen, in dem sich dadurch das eigene Sicherheitsgefühl steigert. Allerdings darf man nie vergessen, dass man dafür einen Preis zahlt. Den Preis der Privatsphäre.

Was sind aus Ihrer Sicht die gesellschaftlichen Risiken dieses Trends?

Barbara Wimmer: Im Industriebereich ist die größte Gefahr der komplette Stillstand der Produktion durch einen Internetausfall, Schadsoftware oder andere IT-Security-Schwachstellen.

Durch die zunehmende Vernetzung steigt auch die Komplexität und bei komplexen Systemen reicht oft eine kleine Anomalie aus, um ein System zum Stillstand zu bringen. Das wäre bei einem immer weiter steigenden Vernetzungsgrad die größte Gefahr. Bei einem großflächigen Blackout wären etwa die Mobilfunknetze nach rund 30 Minuten und die Supermärkte mit sofortiger Wirkung geschlossen. Selbst nach der Wiederherstellung des Stroms würde es aus Logistikgründen mehrere Tage dauern, bis die Lieferkette wiederhergestellt werden kann. Darauf ist die Gesellschaft aber großteils nicht vorbereitet und die Gefahren werden zudem viel zu wenig ernst genommen.

Im Privatkundenbereich besteht das größte Risiko darin, sich weiter den großen Datensammlern auszuliefern und auf seine Privatsphäre Stück für Stück zu verzichten. Amazon und Google sind die größten IoT-Anbieter, die wir auch bereits aus dem bisherigen Internetgeschäft kennen. Sie dominieren derzeit etwa den Markt rund um smarte Lautsprecher und mischen auch bei Wearables (tragbaren Computersystemen) mit.

Durch IT-Sicherheitslücken besteht zudem die Gefahr, dass Fremde im Heim mitlauschen können, sei es über das Spielzeug des Kindes oder Ihren Vibrator. Sicherheitsforscher bezeichnen das Internet der Dinge daher als „Internet of Shit“ und warnen seit jeher davor, alles ins Netz zu hängen. Viele Hersteller von Consumerprodukten kommen nämlich aus einer analogen Welt und sind sich der Gefahren, die eine Vernetzung ihrer bisherigen Produkte mit sich bringt, genauso wenig bewusst wie die Konsumenten. Hier helfen nur Aufklärung und ein Umdenken bei den Herstellern.

Welche Lösungsvorschläge sehen Sie, um die Risiken zu vermeiden und die Chancen zu nutzen? Was muss beachtet werden, damit das Internet der Dinge dem Gemeinwohl nutzt?

Barbara Wimmer: Gesamtgesellschaftlich braucht es auf jeden Fall Notfallpläne, wenn es zu Ausfällen kommt.

Für die Consumerprodukte braucht es ein Umdenken bei den Herstellern und Kunden. IT-Security und der Schutz der Privatsphäre könnten etwa zu einem „Asset“ werden, also einem Verkaufsargument für einen Hersteller – allerdings müssen das dann auch die Kunden wollen und proaktiv verlangen.

Zudem braucht es hier eine klare Regulierung, damit unsichere Produkte nicht mehr in den Umlauf kommen. Ein Cybersecurity-Gesetz auf EU-Ebene, in dem auch dieses Thema behandelt wird, ist derzeit in Planung. Doch es setzt auf „Freiwilligkeit“ bei einer Zertifizierung von IoT-Produkten. Eine einmalige Zertifizierung ist bei einem Internetprodukt jedoch wenig zielführend. Ähnlich wie bei Smartphonebetriebssystemen braucht es auch hier Updates, um IT-Security gewährleisten zu können. Was gänzlich fehlt, ist daher etwa eine verpflichtende Herstellerhaftung und Gewährleistung von Sicherheitsupdates.

Wichtig ist auch, dass Menschen am Ende immer eine Wahlmöglichkeit haben, ob sie ein vernetztes Produkt oder ein Offlineprodukt haben möchten. Man darf keinen dazu zwingen, getrackt zu werden, seine Daten mit Versicherungen oder großen Internetkonzernen zu teilen.
Das Internet der Dinge könnte auch zur Förderung des Gemeinwohls eingesetzt werden, etwa, wenn es sich um öffentliche Daten handelt. Es macht z. B. durchaus Sinn, dass Verkehrsinformationen als Open Data zur Verfügung gestellt werden, damit unabhängige Entwickler daraus Apps basteln können, die sich etwa wiederum in selbstgebaute Vernetzungslösungen integrieren lassen. In Barcelona setzt Francesca Bria, Chief Technology and Digital Innovation Officer im Büro der Bürgermeisterin Ada Colau, dies beispielsweise auf Stadtebene um, indem sie öffentliche Daten zum öffentlichen Gut erklärt und Bürger statt Techunternehmen am Digitalisierungsprozess beteiligt. Daran sollte man sich ein Beispiel nehmen.

 



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